{"id":9748,"date":"2021-08-26T16:20:11","date_gmt":"2021-08-26T14:20:11","guid":{"rendered":"https:\/\/wp-test.zum.de\/blog\/und-immer-wieder-john-hattie.html"},"modified":"2022-01-14T15:03:13","modified_gmt":"2022-01-14T14:03:13","slug":"und-immer-wieder-john-hattie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zum-portal.idea-sketch.com\/portal\/und-immer-wieder-john-hattie\/","title":{"rendered":"Und immer wieder: John Hattie"},"content":{"rendered":"<p>2009 ver\u00f6ffentlichte der australische Bildungsforscher John Hattie die Ergebnisse seiner Studien. Seitdem gilt der Leiter des Instituts f\u00fcr Bildungsforschung an der Universit\u00e4t Melbourne als der einflussreichste Lernforscher der vergangenen Jahre, manche sagen auch \u201eweltweit\u201c (S. 11). In 15-j\u00e4hriger Arbeit hatte Hattie 800 Meta-Analysen ausgewertet &#8211; eine Meta-Analyse ist eine Zusammenstellung von Einzelstudien &#8211; ingesamt davon sollen 80 000 in die Studie eingegangen sein. Die Auswertungen und Ergebnisse wurden auf tausenden von Seiten ver\u00f6ffentlicht, die wesentlichen Titel lauten \u201eVisible Learning\u201c(\u201eLernen sichtbar machen\u201c, 2013) und \u201eVisible Learning for Teachers\u201c (\u201eLernen sichtbar machen f\u00fcr Lehrpersonen\u201c, 2014).<\/p>\n<p>Wer soll das lesen?<\/p>\n<p>Diese Frage stellte sich auch Klaus Zierer, seinerseits Professor und Bildungsforscher an der Uni Augsburg und Verfasser des Buches <strong>\u201eHattie f\u00fcr gestresste Lehrer\u201c<\/strong> (Schneider Verlag 2015). Darin stellt er auf knapp 130 Seiten die \u201eKernbotschaften und Handlungsempfehlungen\u201c (Untertitel) der Mammut-Studie zusammen. Zugleich wird deren \u00dcbertragbarkeit auf das deutsche Bildungssystem in den Blick genommen.<\/p>\n<p>Das erste Kapitel besch\u00e4ftigt sich mit der Arbeitsmethodik Hatties: Dieser erstellt eine Liste von \u201eFaktoren\u201c, die die schulischen Lernleistung f\u00f6rdern k\u00f6nnen und ermittelt mit einer komplexen Formel deren \u201eEffektst\u00e4rken\u201c. An diesen ist dann ablesbar, ob der betreffende Faktor die Lernleistung f\u00f6rdert oder auch nicht. Am Ende des Buches ist die Auflistung der 150 Faktoren und ihrer Effektst\u00e4rken abgedruckt (S. 126 ff): Auf Platz 1 steht der Faktor \u201eSelbsteinsch\u00e4tzung des eigenen Lernniveaus\u201c und auf dem letzten Platz der \u201eSchulwechsel\u201c mit einer negativen Effektst\u00e4rke.<\/p>\n<p>In den weiteren Kapiteln widmet sich der Autor den (im Positiven und Negativen) relevantesten Faktoren und immer wieder wird der eine Kernsatz best\u00e4tigt: \u201eAuf die Lehrperson kommt es an\u201c. Von ihr h\u00e4ngt ab, ob etwas wirkt! Schulstrukturen, die Reduzierung der Klassengr\u00f6\u00dfe, die Investition in neue Medien, die instruktiven und\/oder offenen Unterrichtsformen, die fachliche Kompetenz &#8211; sie alle zeigen erst dann Wirkung (\u201evisibility\u201c), wenn die Lehrperson damit klug umzugehen wei\u00df.<\/p>\n<p>Zwei Zitate k\u00f6nnen diesen Zusammenhang verdeutlichen:<\/p>\n<p>1. \u201eIn den Untersuchungen wurde festgestellt, dass allein die Reduzierung der Klassengr\u00f6\u00dfe nur einen geringen Unterschied ausmacht, weil Lehrpersonen durch diese Ma\u00dfnahmen ihr Handeln nicht automatisch \u00e4ndern. Sie nutzen beispielsweise die kleinere Sch\u00fclerzahl nicht von selbst, um besseres Feedback zu geben, um mehr Gespr\u00e4che mit den Lernenden zu suchen, um die Lernenden st\u00e4rker in den Unterrichtsprozess miteinzubeziehen.\u201c (S. 37)<\/p>\n<p>2. Neue Medien \u201eerreichen eine geringe Effektst\u00e4rke \u2026 , die noch dazu ziemlich konstant \u00fcber die letzten 20, 30 Jahre ist \u2026 Der Grund ist einfach: Lehrpersonen nutzen neue Medien h\u00e4ufig nur als Ersatz f\u00fcr traditionelle Medien: das Whiteboard als Tafel, das Internet als Lexikon, das Tablet als Arbeitsblatt usw. Allein das Anschaffen neuer Medien f\u00fcr das Klassenzimmer reicht nicht aus. Die Kompetenz der Lehrpersonen, diese zu nutzen, ist viel wichtiger.\u201c (S. 71)<\/p>\n<p>Was also wirkt wirklich? Als entscheidend werden genannt<\/p>\n<ul>\n<li>h\u00e4ufiges und qualifiziertes Feedback, das zu einer realistischen Selbsteinsch\u00e4tzung des eigenen Leistungsniveaus beitr\u00e4gt (S. 47 f, S. 64ff)<\/li>\n<li>\u201eDirekte Instruktion\u201c unter der Voraussetzung von \u201eKlarheit im Hinblick auf Ziele, Inhalte, Methoden, Medien, Raum und Zeit sowohl auf Seiten der Lehrpersonen als auch auf Seiten der Lernenden\u201c (S. 62)<\/li>\n<li>Kooperative Lernformen, wenn \u201edie Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler in Phasen des kooperativen Lernens wissen, worum es geht, was zu tun ist, womit gearbeitet werden soll.\u201c (S.63 f)<\/li>\n<li>\u201eBewusstes \u00dcben\u201c, das herausfordernd, vielf\u00e4ltig und regelm\u00e4\u00dfig ist. Indem die Lehrperson dies erm\u00f6glicht, ergeben sich daraus wieder \u201eeine Reihe von R\u00fcckmeldungen \u2026 von den Lernenden, was diese verstanden haben und was nicht \u2026\u201c (S. 69)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das Buch kann tats\u00e4chlich Stress abnehmen:<\/p>\n<p>1.&nbsp; durch die Fokussierung auf das Wesentliche: den Unterricht, die Lehrer-Sch\u00fcler-Beziehung, die Rollenklarheit. Insbesondere uns deutsche Lehrerinnen und Lehrer, die oft genug ein schlechtes Gewissen plagt (Stichwort: OECD und PISA) von wegen zu viel \u201eFrontalunterricht\u201c und zu lehrerzentriert und mit zu wenig Medieneinsatz usw., &#8211; uns kann es entlasten zu lesen, dass \u201edirekte Instruktion\u201c hoch effizient sein kann und dennoch mit dem Frontalunterricht von gestern nicht verwechselt werden darf. (S.61f)<\/p>\n<p>(Eine Empfehlung hierzu: Herbert Gudjons \u201eFrontalunterricht &#8211; neu entdeckt. Integration in offene Unterrichtsformen\u201c, Klinkhardt 2003)<\/p>\n<p>2. Es kann auch entlasten zu erfahren, dass in bestimmten Bereichen die Lehrpersonen \u201enicht verantwortlich gemacht werden k\u00f6nnen\u201c (S. 42): das sind die Elternh\u00e4user, deren sozio\u00f6konomischer Status oder das Medienverhalten der Kinder. Hier wirkt der Matth\u00e4us-Effekt: Wo viel ist, kommt viel dazu. Wo nichts ist, wird auch nichts &#8211; oder nur unter gro\u00dfen Anstrengungen. Kinder aus bildungsfernen Milieus m\u00fcssen mehr leisten, um ein \u201e\u00dcbertrittszeugnis auf das Gymnasium zu erhalten\u201c (45). Hier wird eine intensive Kooperation mit den Eltern empfohlen.<\/p>\n<p>3. Und schlie\u00dflich ist noch die \u00fcbersichtliche Darstellung zu erw\u00e4hnen: Hauptausagen und Kernbotschaften werden nach jedem Kapitel noch einmal in (grauen) K\u00e4sten zusammengefasst, es gibt sogar \u201eReflexionsaufgaben\u201c und am Schluss zehn \u201eHandlungsempfehlungen f\u00fcr die Praxis\u201c (S. 107-125).<\/p>\n<p class=\"rtecenter\">***<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-9746\" alt=\"\" class=\"image-float-left\" src=\"https:\/\/wp-test.zum.de\/wp-content\/uploads\/images\/blog\/images_blog_hattie-zierer-visible-learning-2020.jpg\" style=\"height:250px\" width=\"409\" height=\"599\" srcset=\"https:\/\/zum-portal.idea-sketch.com\/portal\/wp-content\/uploads\/images\/blog\/images_blog_hattie-zierer-visible-learning-2020.jpg 409w, https:\/\/zum-portal.idea-sketch.com\/portal\/wp-content\/uploads\/images\/blog\/images_blog_hattie-zierer-visible-learning-2020-205x300.jpg 205w\" sizes=\"auto, (max-width: 409px) 100vw, 409px\" \/>Zusammen mit John Hattie hat es Klaus Zierer dann 2020 unternommen, die Vorschl\u00e4ge zu \u201eevidenzbasiertem\u201d Unterricht methodisch-didaktisch zu konkretisieren: <strong>\u201eVisible Learning &#8211; Unterrichtsplanung\u201d<\/strong> lautet der Titel (Schneider Verlag 2020, 330 Seiten) und dies ist die Kernbotschaft:<\/p>\n<p>Eine erfolgreiche Lehrperson agiert in erster Linie wie ein Regisseur &#8211; nicht wie ein Moderator (S.18). Ein Regisseur \u00fcberl\u00e4sst nichts dem Zufall, hat die Ziele der Unterrichtstunde immer vor Augen, \u00fcberpr\u00fcft ausgew\u00e4hlte Methoden, kennt die Voraussetzungen der Akteure und ist sich seiner Wirkung bewusst (\u201eKenne Deinen Einfluss!\u201d). Und er hat ein Planungsmodell mit \u201eN\u00e4he zum Instruktionsdesign&#8220; (S. 23).<\/p>\n<p>Wie gehen die Autoren vor?<\/p>\n<p>Exemplarisch werden alle relevanten Diagnose- und Planungsprozesse anhand einer einzigen Unterrichtsstunde dargestellt: Eine 3. Klasse mittlerer Gr\u00f6\u00dfe, heterogen zusammengesetzt, in einer durchschnittlich ausgestatteten Grundschule. Das Unterrichtsthema lautet schlicht &#8222;Licht&#8220; und ist dem Sachunterricht zuzuordnen.<\/p>\n<p>Auf 250 Seiten wird diese Stunde nun unter den vier \u00fcbergeordneten Kategorien geplant (siehe:&nbsp;<a href=\"https:\/\/wp-test.zum.de\/wp-content\/uploads\/https:\/\/paedagogik.de\/files\/pdf\/inhaltsverzeichnis\/https__paedagogik.de_files_pdf_inhaltsverzeichnis_9783834020703in.pdf\">Inhaltsverzeichnis<\/a>)<\/p>\n<ol>\n<li>Diagnosis : Analyse der Lernenden, der situativen Rahmenbedingungen,&nbsp; des Unterrichtsinhaltes der eigenen Lehrerprofessionalit\u00e4t erl\u00e4utert.<\/li>\n<li>Intervention: Planung von Zielen, Inhalten, Methoden, Medien, Raum und Zeit.<\/li>\n<li>Implementation: Durchf\u00fchrung der Stunde<\/li>\n<li>Evaluation: Auswertung der Stunde<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das klingt zun\u00e4chst vielversprechend und entspricht in etwa der Vorgehensweise, wie sie in Universit\u00e4ten und Lehrer:innen-Seminaren \u00fcblich ist. Da aber diese Stunde nie gehalten wurde, steht sie als reales Unterrichtsereignis nicht zur Analyse bereit. Vielmehr ist sie Ausgangs- und Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr die Anwendung jener oben erw\u00e4hnten Faktoren-Liste und ihrer Effektst\u00e4rken auf die einzelnen Aspekte eines m\u00f6glichen Unterrichtsgeschehens.<\/p>\n<p>Daran ankn\u00fcpfend werden dann f\u00fcr jede Phase des Unterrichsprozesses Vorschl\u00e4ge gemacht mit Niveauabstufungen, Erfolgskriterien, Materialien, Versuchsanordnungen und mehr.<\/p>\n<p>Alles zusammen bildet eine umfangreiche Gesamtschau und Bewertung von didaktischen Modellen, in der jedoch merkw\u00fcrdigerweise der Begriff \u201eKompetenz\u201d, wie er in den letzten 15 Jahren die didaktische Diskussion gepr\u00e4gt hat, nicht vorkommt. Statt dessen wird die Bloom&#8217;sche Lernziel-Taxonomie&nbsp; (vgl. S. 126) herangezogen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die typografische Gestaltung der Praxis-bezogenen Teile haben sich die Verantwortlichen f\u00fcr die Farbe dunkelblau auf hellblauem Hintergrund entschieden, manchmal auch f\u00fcr schwarze Schrift auf dunkelblauem Hintergrund, so dass ausgerechnet die Konkretisierungen und Praxisvorschl\u00e4ge am schwersten lesbar und am wenigsten motivierend sind (siehe z.B. S. 226ff).<\/p>\n<p>Da dies &#8211; wie schon erw\u00e4hnt &#8211; sich \u00fcber 250 Seiten erstreckt, unter intensiver Bezugnahme auf Faktoren, Faktoren-B\u00fcndel und Effektst\u00e4rken, auf Dimensionen, Domainen und Diagramme, kann der interessierte Leser durchaus eine Vorstellung dessen bekommen, was unter &#8222;Evidenzbasierung&#8220; zu verstehen ist, und von der Wissenschaftlichkeit der empirischen Unterrichtsforschung&nbsp; beeindruckt sein. Es kann ihm aber auch H\u00f6ren und Sehen vergehen, weil er\/sie sich Unterricht und Schule ganz anders vorstellt und erlebt: Weniger als aufw\u00e4ndig durchgestylte Abfolge von Mikroprozessen, sondern als umfassende erzieherische Aufgabe, in der die Einzelstunde nur ein Teil und zuweilen auch nicht der wichtigste ist.<\/p>\n<p>Wem ist folglich dieses Buch zu empfehlen?<\/p>\n<p>Aufgrund seiner Detailversessenheit, Kategorienvielfalt und ungl\u00fccklicher Gestaltung in erster Linie denjenigen, die an unterrichtsmethodischen und didaktischen Tiefenstrukturen und Prozessen interessiert sind bzw. sein m\u00fcssen: also denjenigen, die mit der Ausbildung von Lehrkr\u00e4ften an der Universit\u00e4t, den P\u00e4dagogischen Hochschulen und den Lehrer-Seminaren besch\u00e4ftigt sind.<\/p>\n<p>Des Weiteren denjenigen, die sich auf ein didaktisches Pr\u00fcfungskolloquium vorbereiten und den Themenschwerpunkt Hattie gew\u00e4hlt haben.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich denjenigen, die sich nicht vorstellen k\u00f6nnen, wie komplex und anspruchsvoll Unterricht heutzutage ist bzw. sein kann und warum Lehrkr\u00e4fte gelegentlich frustriert sind, wenn ihr Alltag hinter den Anspr\u00fcchen der evidenzbasierten Unterrichtsforschung zur\u00fcckbleibt.<\/p>\n<p class=\"rteright\"><em>Klaus Dautel<\/em><\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start\" style=\"display:none\" data-services=\"facebook\" data-url=\"https%3A%2F%2Fzum-portal.idea-sketch.com%2Fportal%2Fund-immer-wieder-john-hattie%2F\" data-timestamp=\"1642172593\" data-backendurl=\"https:\/\/zum-portal.idea-sketch.com\/portal\/wp-json\/shariff\/v1\/share_counts?\"><div class=\"ShariffHeadline\">Teilen<\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#32bbf5\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fzum-portal.idea-sketch.com%2Fportal%2Fund-immer-wieder-john-hattie%2F&text=Und%20immer%20wieder%3A%20John%20Hattie\" title=\"Bei Twitter teilen\" aria-label=\"Bei Twitter teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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